Vorwort

 

Ein Wort vor den Bildern? Schon allein „vom Sehen wir das Auge nicht satt“ – es kann nie genug bekommen - weiß der weise Prediger Salomo, so dass es eigentlich keiner Worte bedarf, die zusätzlich die Sicht zur Sichtweise von Bildern weisen. Doch Werner A. Friedrich ist an dieser Stelle kein Purist, wie seine Bilder zeigen. Der Maler spielt gern Wortspiele. Seine Bilder selbst wollen erlesen sein: All die Titel, Randnotizen, Zitate, Markierungen, Anklänge, Querverweise, Einzelbuchstaben … Sie erklären nichts, was das Bild auch ohne Worte sagen würde. Das Geschriebene ist immer Bestandteil des Bildes und ist doch echte Grafik, etwas, das – wie das griechische Verb „graphein“ sagt, in das Bild hinein ge - graben ist. Die Worte vertiefen und erschließen das Gemalte. Doch es sind nicht nur Worte, mit denen der Maler in seinen Bildern ständig Dialoge anzettelt ( – wie viele der Bilder sind Bilder von Zetteln!) Ihr enormer Beziehungsreichtum verweist auf die Musik, auf Architektur und Kunstwissenschaft, auf Geschichte und Theologie und geht doch mit seinen technischen und sportiven Sujets über die Ränder eines konservativen Kulturbegriffs hinaus. Eine Kunst, die atmet und lebt, die spielt und provoziert. Aber man darf sie auch einfach nur schön finden.

Seit 45 Jahren lebt der bald 70-Jährige, in bildender Kunst und Musik schöpferisch Tätige in Bad Wildungen. Was er aus den Jahrzehnten vorlegt, ist eine Liebeserklärung an die Stadt. Von Anfang an hat er auf ihre Mitte gezielt, auf ihr Herz, die „Alte auf dem Berge“ wie er selbst liebevoll die Stadtkirche nennt. Immer wieder hat er sie gemalt, hell und dunkel, freundlich und drohend, federleicht und bleischwer, zu allen Tages- und Jahreszeiten, in jeder inneren Stimmung, nah und fern, fast manisch wie Cezanne seine Montagne Sainte-Victoire. Mal in Wolken und mal im Licht, mal in Blumen gebettet und mal in die Fachwerkgiebel der Altstadt, mal lässig als Nebensache dargestellt dann wie ein Heiligtum. Und nicht nur von außen. Eingedrungen ist er in ihre Herzkammer, in das Altarbild des Conrad von Soest mit der Malerei von sieben großen Holztafeln eines dialogisch konzipierten Kreuzwegs, der in der Kirche zur Passionszeit begangen wurde.
Der Katalog liest sich wie ein Tagebuch. Kleine Stationen schlagen sich nieder in graphischen Miniaturen wie im Deckblatt zum Konzertprogramm des Chorleiters Werner A. Friedrich oder alljährlich zu Ostern oder zu Pfingsten im Blumenstrauß. Weit spannt sich der Bogen der Reisen: nach Italien, in die Alpen, ans Meer. Und man schaut wirklich noch einmal gern auf das Kliff von Sylt, auf die verschneite Kapelle in den Bergen oder auf den „malerischen Winkel“ in Venedig. Warum? Weil dem Auge eine neue Sicht gewiesen wird. Vermutlich ist am Anfang der künstlerischen Entwicklung der Zeichner federführend, jemand, der sehr genau hinsieht, detailversessen und akribisch die Dinge wiedergibt. Doch die Handgelenke lösen sich. Schwung zieht ein. Und Farbe. Rot, Gelb und Blau dürfen zunächst kolorieren, Flächen und Beschaffenheiten beschreiben. Doch sie übernehmen zusehends die Führung, quellen über die Ränder, werden zurückgeholt und in doppelte Rahmenlinien gefasst, brechen wieder aus, spritzen, wischen, kleksen – dürfen heute ein ganzes Bild allein beherrschen. Aus dem Zeichner wurde ein Maler, der doch das Zeichnen nie zu verachten gelernt hat. So gibt es bei aller formalen Strenge viel Erlaubnis in den Bildern. Es darf gemischt werden: Bleistift, Tusche, Aquarell, Gouache, Öl, es darf montiert und collagiert werden auf blütenweißem Bütten, auf Packpapier oder auf alten Schaltafeln. Und so klar sich jedes Genre profiliert wie die Landschaft, das Stillleben oder der Akt, so darf eines vom anderen profitieren: Die Frauenkörper leuchten wie Blumen und in den Amaryllen blüht weibliche Sinnlichkeit, Sportler türmen sich zu einer Architektur und eine Stadt gerät zum Tanz.

Überraschend und originell: Immer wieder werden Malmittel und Werkzeuge ins Bild gesetzt. Pinsel, Farbstifte, Tuben und Malkästen dürfen erzählen, wer hier was angerichtet hat. Stehen sie für den Maler selbst, der wie ein Renaissancekünstler dem Betrachter aus seinen Werken entgegenblickt? Sind sie wie die magischen Hände in der Höhlenmalerei, die archaische Signatur des schöpferischen Menschen, der die Welt im Malen begreift? Ist es die pädagogische Leidenschaft des Kunsterziehers Werner A. Friedrich, den Entstehungsprozess seiner Bilder transparent und damit nachvollziehbar zu machen? Wer immer sich nicht allein rezeptiv betrachtend mit Bildern befasst, wer selbst malt oder malen möchte, wer ein Bild als nie abgeschlossen vor sich sieht, der wird ihn hochsympathisch finden, den Reiz, der ausgeht von der Aufforderung der Werkzeuge, selbst zuzugreifen, der Realität mit Fantasie zu begegnen, seine Fantasien zu realisieren, sich Sichten weisen zu lassen.

Helmut Wöllenstein, Marburg